Chinesische Mauern

Knuffelchen, heute kommt eine Lektion im Umgang mit – oder besser: im Umgehen hoher Hürden. Hürden in Form von Menschen. Es gibt nämlich nicht nur bauliche Barrieren, sondern auch Menschen, die sich uns wie eine Mauer in den Weg stellen können. Und manche Menschen, Knuffelchen, lassen sich nicht beiseite bitten, die muss man so weitläufig umwandern, wie es geht. Hier ein Beispiel von der chinesischen Mauer, die wir letztens zu Besuch hatten:

Chinesische MauerDa kam diese Person, um uns und unsere Arbeit kennenzulernen. Du weißt schon, den Kleinen Leuchtturm und EDENerdig. Du warst ja auch dabei. Du weißt ja, wie das ablief. Dass diese Person gut zwei Stunden zu spät kam und nur darüber meckerte, wie einsam und unnötig weit und öde das hier in Ostfriesland wäre. Die auf deinem Spielzeug herumtrampelte und auch nach mehrfachem dezenten Hinweis meinerseits: “Nicht, dass Sie sich wehtun, sie treten da gerade auf das Spielzeug unserer Tochter” nicht damit aufhörte.

Merke: Halte dich fern von Menschen, die Grenzen überschreiten und die deine Grenzen nicht achten.

Auf die Bemerkung, dass wir hier ja nur “im kleinen Stil” arbeiten, erklärten wir, dass das schon groß für uns ist, denn immerhin wurde unsere Beratungsstelle ja nur mithilfe von Spenden finanziert und die Räumlichkeiten haben wir nur mit der Hilfe weniger Menschen renoviert. “Aber das können Sie doch gar nicht, Sie sitzen doch im Rollstuhl!”, sagt der Mensch daraufhin zu deinem Krüppelpapa. Umso trauriger, dass diese Person ein Kind mit schwersten Behinderungen hat. Inklusion sagte ihr gar nichts. Und “Spielplätze barrierefrei umzubauen, ist doch viel zu teuer!”.

Merke: Wer einen Menschen mit einem schweren Handicap in der Familie hat, muss nicht gleichzeitig Verständnis dafür haben.

Nach einer Stunde, in der wir – vergeblich – erklärt hatten, was und wie wir bei Kleiner Leuchtturm arbeiten und was uns mit EDENerdig auf dem Herzen liegt, bat der Mensch deinen Papa, ihn zum Hotel zu fahren, um zu klären, ob das Zimmer noch frei sei. Denn auch da hatte er sich nicht gemeldet und kam rund drei Stunden zu spät. Seltsamerweise hat er sich da nicht gefragt, wie dein Krüppelpapa ins Auto gestiegen ist und damit fährt. Er hat sich nur gefragt, warum die Hoteliersfrau “so muffelig” zu ihm war.

Merke: Manche Menschen hören nicht zu, auch wenn du es laut und deutlich und mit Wiederholungen erzählst.

Heute kam ein Brief von dieser Person. Sie beschwerte sich, der Besuch bei uns sei eine Zumutung gewesen. Wir wären unfreundlich gewesen und hätten viel zu wenig Zeit gehabt. (Erinnerst du dich, ich musste dich abends, nachdem die Person vom Hotel zurück war, ins Bett bringen und konnte keine Zeit mehr mit dieser Person verbringen – das ist ja auch wirklich unmöglich von mir!) Unsere viel zu bescheidene Arbeit sei uninteressant und wir seien viel zu sehr von uns eingenommen – aber urteilen wolle sie nicht über uns. Wir hätten sie dazu einladen sollen, bei uns zu übernachten, und den Gottesdienstbesuch zu ihren Gunsten ausfallen lassen sollen.

Hatte ich erwähnt, dass wir uns extra den gesamten Samstagnachmittag für diese Person frei genommen hatten? Dass wir extra unsere Beratungsstelle geputzt, Kuchen eingekauft, eine Teetafel eingedackt hatten? Dass wir für dich, Knuffelchen, einen Spielbereich eingerichtet hatten? Dass dein Krüpelpapa noch bis in den Abend hinein Zeit mit diesem Menschen verbracht hat anstatt mit seinen Freunden? Dass wir danach alles wieder weg- und aufräumen mussten, bevor der Beratungsbetrieb weiterging? Und dann dein Krüppelpapa das Klo zweimal putzen musste, weil dieser Gast hier das Essen der letzten Woche in der Toilette gelassen hat, ohne die Überreste zu entfernen?

Merke: Ich-bezogene Menschen können sich schlecht oder gar nicht in andere hineinversetzen.

Liebes Knuffelchen, Menschen dieser Art, liebt Jesus auch. Aber du musst nicht mit jedem befreundet sein, nur weil Jesus ihn genauso liebt wie dich. Wenn Menschen zu wandelnden Barrieren der Zwischenmenschlichkeit werden, Kommunikation unmöglich ist, sie ihr gekränktes Ego über dich ergießen und sich nicht in dich hineinversetzen können, nimm dir die Zeit und rolle kilometerweit um diese Hürden herum. Sie erklimmen zu wollen, beschert dir nur Kampf, Schürfwunden, Tränen und schlussendlich die absolute Erschöpfung. Also: Chinesische Mauern sind nur als Touristenattraktion interessant, ansonsten: Finger weg.

3 thoughts on “Chinesische Mauern

  1. Wieder mal ein sehr schöner Beitrag!!
    Ich kann es oft nicht glauben, das solche Menschen echt grade vor mir stehen, was wohl auch daran liegt, dass ich oft vergesse, das nicht alle so sind wie ich. Und zudem neige ich doch auch noch gern dazu, mich zu fragen, was ich denn jetzt falsch gemacht habe, das dieser Mensch mich nun so behandelt.
    Also vielen Dank für diesen aufklärenden Beitrag!!!!

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