Leiden-schaf(f)tliches Bitten


Bestimmt ist es dir schon aufgefallen, Knuffelchen: Unsere Familie ist etwas anders. Ich meine jetzt nicht unbedingt meine Warze am Kinn oder dass unsere Katze ausschließlich mit den Pfoten aus einem Wasserglas trinkt. Ich spreche auch nicht zwingend davon, dass unser Hund gemeinsam mit dir singt oder dass dein Papa im Rollstuhl sitzt. Ich spreche von unserem Lebensstil.

Ein Lebensstil ist sowas Ähnliches wie ein Kleidungsstil oder ein Wohnstil: Jemand trägt bestimmte Kleidung, um etwas damit auszudrücken. Dass er gerne auffällt zum Beispiel oder unbedingt nicht auffallen möchte. Jemand gestaltet seine Wohnung so, dass jemand anderes schon beim ersten Schritt durch die Eingangstür weiß, wer das ist, der dort wohnt. Der Kleidungsstil und der Wohnstil gehören zum Lebensstil dazu. Der Lebensstil umfasst auch unsere Werte und Normen. Man richtet sein Leben danach aus, was einem wichtig ist.
Deinem Krüppelpapa und mir ist zum Beispiel Gott wichtig. Deshalb reden wir mit ihm und lesen auch manchmal in der Bibel. Wegen Gott ist uns die Liebe wichtig. Deshalb kuscheln und schenken wir so gerne und fragen andere Menschen ernsthaft interessiert, wie es ihnen geht. So richtig fromm – im Sinne von Geboten befolgen und moralistisch sein, sind wir aber eher nicht. Das verträgt sich meistens nicht gut mit unseren anderen Werten:
Der Freiheit. Besonders, weil dein Papa und damit auch oft wir mit ihm eingeschränkt werden, legen wir großen Wert auf freie Entscheidungen. Wir lieben Kreativität. Deshalb haben wir so viele Bücher, Bilder, Filme und Buntes. Wir lieben die Natur. Deshalb leben wir in einem alten Bauernhaus mit einem wilden Feld und alte Bäumen drum herum.
All das ist nicht allen gleich wichtig. Das zu respektieren, ist ein weiterer Wert unserer Familie. Wir halten viel von Respekt und Achtung. Andere Menschen mit ihren Ansichten nicht so machen zu müssen, wie wir oder andere es sind. Denn wir mögen die Vielfalt; Menschen, die anders sind. Die aus der Masse hervorstechen. Vielleicht weil es uns ähnlich geht. Wir sind trotz dieser klar aufgelisteten Werte für andere schwer zu greifen. Manchen Leuten sind wir einfach zu viel. Zuviel, was man erklären müsste.

Betteln von unten nach oben

Letztens zum Beispiel, als wir in der Stadt waren. Es war sehr warm und du hast gerade mit dem Laufen angefangen. Damit du einen guten Kontakt zu der Welt um dich herum bekommst, sollst du solange wie möglich barfuß laufen können (Wert: Natur). Also haben wir dich spontan aus dem Kinderwagen gesetzt und du bist an meiner Hand ohne Schuhe durch die Stadt gelaufen (Wert: Freiheit). Du hast dein Matrosen-Clown-Outfit getragen, so ein finnisches Oberteil mit Kreisen und Punkten und Leggins in blau-weiß-rot. Dazu diesen Queen-Mum-Schlapphut (Wert: Kreativität). Das allein wäre schon ein Grund zum Starren gewesen. Aber dann rollt auch noch dein Krüppelpapa mit dem Kinderwagen und dem Felllappen, der jeden Hund beschnüffeln muss, hinter uns her (Wert: Liebe).
Ich konnte es mir nicht nur denken, ich habe auch gehört, was sich manche gedacht haben: Reicht das nicht, dass die schon wegen dem Rollstuhl auffallen, müssen die ihr Kind jetzt auch noch barfuß rumlaufen lassen? „Na, Kleine? Kriegst du keine kalten Füße?“, „Ist das nicht zu gefährlich? Da sind doch überall Scherben!“ bis hin zu „Gleich hast du Füße wie ein Neger“ (Fehlende Werte: Achtung und Respekt). Als ich deiner Patentante davon erzählt habe, meinte sie, ich hätte kontern sollen: „Wir leben von Spenden, wir können uns keine Schuhe leisten.“
Damit hat sie nicht mal ganz unrecht. Keine Sorge, wir können dir Schuhe kaufen, aber dass wir auf Spendenbasis arbeiten, ist für einige Menschen genau dasselbe wie dein Barfußlaufen in der Fußgängerzone. Es ist ihnen zu viel. Eine Provokation gegen die Norm. Reicht es denn nicht, dass das Knuffelchen einen Krüppelpapa hat, müsst ihr als Familie jetzt auch noch vom Wohlwollen anderer abhängig sein?

Ganz ehrlich? Ich wünschte mir, es wäre anders. Ich wünschte mir, wir könnten hier in der Region eine ganz normale christliche Beratungsstelle betreiben wie im Ruhrgebiet oder in Berlin oder anderen Ballungszentren. Wo die Leute genug Geld für professionelle Beratung haben und man den einen oder anderen Fall auch mal kostenlos berät, wenn das Geld nicht reicht. Das funktioniert hier in Ostfriesland auf dem platten Land aber nicht.
Wegen unserer Werte haben wir uns deshalb vor sieben Jahren entschlossen, das Prinzip der Patenschaften von großen Hilfsorganisationen zu übernehmen, um Menschen in Lebenskrisen schnell und professionell zu begleiten. Sie werden zwar um eine Spende gebeten, die sich nach ihrem Einkommen richtet. Den realen Wert einer Beratungseinheit kann aber kaum jemand zahlen. Viele sind schon froh, wenn sie sich die Fahrtkosten zu uns leisten können. Manche fahren eine Stunde oder mehr. Also brauchten wir andere Menschen, die für unser Gehalt und die Kosten der Beratungsstelle aufkommen.
Klingt eigentlich ganz einfach, aber nach sieben Jahren merken wir, dass wir zu Bettlern geworden sind. Zumindest in den Augen anderer. Letztens trafen wir Bekannte auf dem Flohmarkt. Sie trauten sich kaum, uns anzusehen, und wenn, dann nur mit diesem mitleidigen Blick. Schließlich wurden wir flüsternd gefragt, ob wir auf der Suche nach Kleidung für dich seien, wegen der Spendensache und so.
Eigentlich waren wir dort, um kleine Schätze für dich zu finden. Spiele und Bücher, die es nicht mehr zu kaufen gibt. Du hast ein Tamburin für einen Euro bekommen. Und auch einen Sack Kleidung. Denn selbstverständlich hilft es, wenn wir günstig etwas für dich kaufen, was wir nicht extra von den Spenden zahlen müssen. Trotzdem waren wir nicht dort, weil wir uns keine neue Kleidung für dich leisten könnten.
Die arme Familie mit dem Krüppel und der Spendensache. Wir sind nicht arm. Wir machen einen reichen Job, eine wert-volle Arbeit. Dieses Mitleid hilft niemandem. Mitleid setzt herab, schafft ein Gefälle. Mitgefühl, echtes Interesse, Unterstützung hilft dagegen weiter.

Weil wir auf Spendenbasis arbeiten, müssen wir kommunizieren, was wir brauchen und was fehlt. Manchmal läuft es gut, dann gibt es wieder Dürrezeiten. Das hält auf die Dauer aber nicht jeder durch. Manche haben ein schlechtes Gewissen und manche sind langsam von unseren Bitten genervt. Nach sieben Jahren geraten wir in die Schublade der Weihnachts-Bettelbrief-Schreiber. Ich kann das verstehen. Wer will schon über Jahre hinweg immer wieder diese geöffnete Hand sehen, die einen am Hosenbein zupft?
Uns nervt das auch. Wir müssen im Alltag schon sooft um etwas bitten: Können Sie uns bitte die Tür aufhalten?, den Stuhl wegnehmen?, einen Schritt beiseite gehen?, Ihr Auto vom Behindertenparkplatz fahren?, uns beim nächsten Mal nicht einparken? Und dann sollen wir auch noch um unsere Existenz bitten, von unten nach oben fragen: Könnt ihr euch vorstellen, uns monatlich finanziell zu unterstützen? Für unsere Klienten? Für unsere Beratungsstelle? Für unsere Initiative „EDENerdig“? Für uns als Familie? Denn schließlich leben wir davon.
Seitdem du da bist, Knuffelchen, ist es schwerer geworden. Das ist kein Vorwurf, es ist eine Sorge. Für uns als Paar Kompromisse einzugehen, geht oder rollt schon. Doch du musst schon auf genug verzichten, weil dein Papa im Rollstuhl sitzt. Da sollst du nicht auch noch um Schuhe betteln müssen. Bildlich gesprochen. Denn mittlerweile hast du dein erstes Paar. Im Herbst ist es mit dem Barfußlaufen ja leider tatsächlich zu kalt draußen.
Wir wollen gar nicht ständig der Stein des Anstoßes zu sein. Denn auch wenn das Leid zum Bitten führt, wird das Bitten auf Dauer wieder zum Leid. Doch wegen unserer Werte ist es letztendlich wie mit dem Barfußlaufen: Im Herbst und Winter musst du deine Füße einschränken; im Frühling kommen dann die Schuhe in den Schrank und du kannst wieder auf freiem Fuß umher tollen. Mit dem Bitten ist es genauso: Solange wir nicht von den Spenden leben können, werden wir weiter bitten müssen. Auch wenn uns das nicht leicht fällt.
Wir sind die einzige christliche Beratungsstelle in Ostfriesland. Es gibt keine andere christliche Initiative für Barrierefreiheit und Inklusion. Und solange andere Christen mit Behinderungen und Menschen in Lebenskrisen um Hilfe bitten müssen, tun wir es auch. Das hat nichts mit Gutmenschen- oder Heldentum zu tun, das ist es uns wert. Deshalb, Knuffelchen, sind wir etwas anders. Doch wir geben die Hoffnung nicht auf: Vielleicht wird uns das Bitten ja auch irgendwann genauso zu klein wie dir deine Schuhe, sodass wir es endgültig einmotten können.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s