Eis-Wasser-Druck


In einigen Jahren wirst du selber im www unterwegs sein, Knuffelchen. Solltest du dann nachforschen, wie die Menschen waren, als du noch klein warst, wirst du auf ein seltsames Phänomen stoßen. Du wirst eine große Masse Videos finden, wo gezeigt wird, wie Menschen sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf ausschütten. Du wirst dich fragen, warum sie das tun. Und warum es kein Video von mir oder deinem Krüppelpapa davon gibt. Hier kommt ein Versuch, diese Fragen zu beantworten:

 

Der erste Mensch, der sich einen Eimer mit Eiswasser über den Kopf geschüttet hat, war ein junger Amerikaner, der damit auf die Krankheit seines Freundes aufmerksam machen wollte. Sein Freund hat ALS, eine Nervenkrankheit, die dazu führt, dass man ähnlich wie dein Papa den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringt. Dazu kommt bei den meisten auch, dass sie nicht mehr richtig sprechen und sich gar nicht mehr bewegen können. Viele können nicht mehr schlucken und richtig atmen. Viele sterben früh.
Die Idee war, die Menschen herauszufordern: Entweder lasst ihr euch einen Kübel Eiswasser über den Kopf ausleeren und erlebt zumindest für wenige Sekunden eine ähnliche Schockstarre wie ALS-Erkrankte – oder ihr spendet etwas an die Forschung gegen die Krankheit. Ziel war es, dass die Allgemeinheit sich grundsätzlich mehr über ALS informiert. Das hat auch funktioniert – zumindest anfangs. In den USA kamen dadurch viele Spenden zusammen. Heute werden diese riesigen Spendensummen aber auch kritisch betrachtet: Geschäftsführer der Forschung haben sich angeblich an den Spenden bereichert und die hauptsächliche Summe fließt in Forschungen, bei denen Tiere sehr leiden müssen.
Es dauerte nicht lange, bis die #Icebucketchallange Prominente erreichte, die diese Herausforderung zum Imagegewinn nutzten. Erst durch sie wurde die Aktion so richtig bekannt. Kaum ein Promi konnte es auf sich sitzen lassen, nicht dabei mitzumachen. Immerhin war es für einen guten Zweck und die Fans hatten was zum Lachen. Das Lachen wurde bald zum Brüller. Die Massen warteten jeden Tag darauf, wer heute einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet bekommt. Sie lechzten nach einem kurzen Blick ins Privatleben der anderen: Wo wird derjenige sich von wem den Eimer über den Kopf schütten lassen? Wird er oder sie kreischen, prusten oder sich schütteln? Voyeurismus wurde gesellschaftsfähig.

Eiswasserdruck

Im Sommerloch – so nennt man in den Medien die Zeit, in der man wenig Unterhaltsames zu berichten hat und sich deshalb merkwürdige Trends durchsetzen – mutierte die Challenge weiter. Von den Promis schwappte die Welle weiter zu ihren Fans: „Wenn mein Vorbild sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütten kann, dann kann ich das auch.“ Das Ziel, sich über die Krankheit ALS zu informieren, geriet in den Hintergrund. Es war cool und angesehen, sich Eiswasser über den Kopf zu schütten und sich dabei allen zu zeigen. Eine neue Art Heldentum war geboren.
Manche beließen es nicht bei dem Eimer Wasser – jetzt musste man in ein kaltes Gewässer springen. Dabei gab es viele Verletzte und es sind auch Menschen gestorben. Trotzdem ging die Challenge weiter. Besonders bei den Jugendlichen ist der Druck groß. Entweder du machst mit und springst in einen Bach oder du gibst mir einen Cocktail, ein Eis oder eine Pommes aus – neuerdings gibt es auch die Variante, die gerne von Jungs bei Mädels angewendet wird: Oder du lässt sich von mir eine Minute lang an den Brüsten anfassen.
Auch wenn sich die Medien bemühen, über den eigentlichen Grund aufzuklären, hat sich die Challange mittlerweile verselbstständigt. Auch Erwachsenen geht es nicht mehr darum, auf ALS aufmerksam zu machen. Auch sie fordern andere heraus oder wollen stattdessen etwas für sich haben: Eine Kiste Bier, einen Grillabend, eine Pizza. Von der Heldentat zum Eigennutz. Gib mir, gib mir! Wer nicht mitmacht, ist eine Spaßbremse: „Komm schon, hab dich nicht so.“ Und wer es kritisiert, ist ein Gutmensch – und dieses Wort ist nicht positiv gemeint: “Musst du immer alles so ernst nehmen?” Es ist wie früher in der Schule: Wer nicht mitmacht, ist ein Feigling, wer sich dagegenstellt, ein Streber.
Ich hatte es schon früher nicht so mit Kettenbriefen und Massenphänomenen. Denn letztendlich funktionieren sie nach ganz einfachen Mechanismen, die auch schon im Dritten Reich gut geklappt haben: Selbstdarstellung, Eigennutz, Erpressung, Macht. Und die mag ich alle nicht. Sie zwingen einen dazu, sich für eine der drei Möglichkeiten zu entscheiden, auf so etwas zu reagieren: Mitmachen, Ignorieren, dagegen sein. Und alle drei Reaktionen kosten etwas.
Wer mitmacht, wird vielleicht kurz gefeiert, dann aber schnell wieder vergessen; er taucht in der Masse der Eisköppe unter. Ignorieren bedeutet ducken, nicht gesehen werden wollen, untertauchen in einer Art Gleichgültigkeit. Man mogelt sich etwas durch, auf Dauer kein gutes Gefühl. Dagegen sein bedeutet auf der rauen See schwimmen und für die eigene Position so manche harte Welle ins Gesicht geklatscht zu kriegen. Im Dritten Reich bedeutete das auch manchmal den Tod. Heute bedeutet es unter Umständen den gesellschaftlichen Tod. Also: Alles nicht wirklich schön. Und bestimmt nicht das, was der Erfinder der Challenge sich ursprünglich gedacht hat. Fragen können wir ihn dazu nicht mehr; er ist diesen Sommer beim Baden ertrunken. Welch eine Ironie.

Manche haben auch eine scheinbare Alternative gewählt und mitgemacht, aber für etwas gespendet, was ihnen wichtig ist. Sie hoffen, die Aktion dafür zu nutzen, um auf ihre Werte und Anliegen aufmerksam zu machen. Doch letztendlich informiert sich danach kaum einer über die Organisation, die dem anderen wichtig ist. Dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen doch sehen, was für ein Gesicht derjenige macht, wenn er das Eiswasser über den Kopf bekommt und wen er als nächstes nominiert.
Ich gestehe: Wir haben überlegt, die Challenge zu ändern. In eine Handicap-Challenge: „Du hast 48 Stunden Zeit, dich dabei filmen zu lassen, welche Barrieren du entdeckst, wenn du für eine halbe Stunde deines Alltags freiwillig eine Behinderung (gehörlos, blind, stumm, gelähmt) hast.“ Doch auf einen fahrenden Zug aufzuspringen, der schon überfüllt ist, lässt einen nach wenigen Metern sowieso wieder runterfallen. Andere haben Ähnliches versucht, es wird aber nicht nachgemacht. Denn das ist nicht lustig. Wer will schon sehen, wie sich jemand mit einem Rollstuhl über Treppen quält oder blind durch ein Kaufhaus stolpert?
Als Gründer einer Initiative für Barrierefreiheit und Inklusion würden wir dann ja auch genau das Gegenteil machen: Wir würden anderen eine Barriere aufzwingen und sie dazu nötigen, etwas zu tun. Inklusion ist aber immer mit Freiwilligkeit verbunden. Dass man sich aus freiem Willen darüber informiert, sich engagiert und etwas ändert. Als Menschen, die allein von Spenden leben, ist es natürlich verführerisch, solch eine Aktion für Publicity zu nutzen. Doch auch Spenden sollten nicht wegen gesellschaftlichem Druck, Mitleid oder Schuldgefühlen getätigt werden. Vielleicht lassen wir uns für das nächste Sommerloch etwas anderes einfallen. Etwas wirklich Schönes. Doch auch die großen Marketingfirmen werden schon längst über einfache und ähnlich effektive Ideen für die nächsten Jahre nachdenken.

Deshalb, Knuffelchen, gibt es kein Video von uns. Übrigens wurde ich dazu herausgefordert und dein Krüppelpapa nicht. Menschen mit Handicap wurden bisher größtenteils von der Challenge ausgelassen. Ihnen kann man es ja nicht zumuten, sich einen Eimer Wasser über den Kopf zu schütten. Auch wenn einige ALS-Erkrankte sich freiwillig ohne Nominierung Eiswasser über den Kopf haben schütten lassen, um wieder auf den Ursprung der Aktion aufmerksam zu machen: Eingeladen wurden sie, soweit ich weiß, nicht dazu. Das ist das Gegenteil von Inklusion.
Wer weiß, wie es ist, wenn du so alt bist, wie wir jetzt. Vielleicht ist Inklusion bis dahin selbstverständlich. Vielleicht brauchst du aber auch gar nicht nach diesen Videos suchen; vielleicht etabliert sich das zur Kultur und alle Heranwachsenden müssen das tun und dadurch ihre Werte vertreten. Ich wünsche dir jedenfalls, dass du später frei entscheiden kannst, was du in solchen Momenten tun willst. Dass es dir egal ist, was andere denken, oder du es trotzdem schaffst, etwas nicht mitzumachen, auch wenn andere dich dann weniger mögen. Denn du kannst dir sicher sein: Wir und Gott werden dich immer lieben.

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