Allemann an Bord!

Letzte Woche haben wir mit dir was Tolles erlebt, Knuffelchen. Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus:

Unser Urlaub war vorbei und wir mussten die Insel wieder verlassen – und da gleichzeitig ein längeres Wochenende zu Ende ging, strömten mit uns gefühlte tausend weitere Menschen zum Fähranleger. Dort knubbelte sich alles und wie das meistens so ist, wird der Mensch in der Masse zum Vieh. Er brummt und knufft und drängt, bekommt geweitete Augen, Schweißausbrüche; manch einer bölkt den anderen an oder beginnt zu muhen. Die Angst geht um, steigert sich und kramt noch ein paar alte Kindheitshorrorvisionen aus der Mottenkiste hervor: “Ich werde als einziger auf der Insel zurückgelassen, ich werde meinen Anschlusszug nicht bekommen, bestimmt wird mein Auto jetzt nicht auf der anderen Seite des Ufers auf mich warten; meine Familie muss zusammenbleiben, lasst mich nicht alleine, lasst mich nicht zurück!”

Als Krüppel und Braut kennen wir das schon zur Genüge. Für dich war es das erste Mal, aber du bist genauso cool geblieben wie wir und der Felllappen. Wir warten einfach immer, bis alle weg sind und gehen und rollen dann als Letzte rein. Einem Rollstuhlfahrer bleibt auch gar nichts anderes übrig. Alle treiben an uns vorbei, manch einer macht noch einen Hechtsprung über den Schoß deines Papas, Teenager quetschen sich seitlich am Rolli vorbei, eine Gruppe verkaterter Kegelfrauen schieben schnell noch ihre Rollkoffer vor die Räder deines Papas und deines Kinderwagens. Selbst böse Blicke von uns nutzen dann nichts. Es gibt sogar welche, die sich aufregen, wenn dein Krüppelpapa ihnen aus Versehen in die Hacken fährt, weil sie sich mal eben noch schnell vor ihn gedrängt haben. Und: Wieder überall Ärsche (siehe vorletzten Post).

Boot vor NorderneyDann passiert etwas, das wir noch nie erlebt haben, obwohl wir schon sehr oft nach Norderney verreist sind: Die Fähre ist so voll, dass die Fußgänger nicht mehr unter Deck passen – sie müssen die Überfahrt auf dem Autodeck machen und werden direkt dorthin geleitet. Da wir die letzten sind, informiert uns eine Mitarbeiterin darüber und fragt, ob wir dann nicht lieber die nächste Fähre nehmen wollen – mit Rolli und Kinderwagen an Deck bleibt einem keine andere Wahl, als 40 bis 50 Minuten der Seeluft ausgesetzt zu sein, ob es jetzt regnet oder stürmt; in den Passagierraum führen nur lange Treppen.

Wir bleiben gelassen und entschließen uns, auf die nächste Fähre zu warten. Man führt uns wie VIPs zum Eingang hinter der Absperrung, damit wir die nächste Fähre auch garantiert als erste betreten dürfen. Das wäre mal eine neue Erfahrung gewesen, aber jetzt passiert etwas erstaunliches: Ein Mitarbeiter erkennt die Situation und spricht über sein Walkie mit der Fährbesatzung im Schiff. Schnell wird entschieden, dass wir nicht zurückgelassen werden; die Rampe wird extra nur für uns ausgefahren und wir dürfen noch unter Deck mitfahren.

Knuffelchen, das war ein echtes Beispiel für Inklusion! Hätten sie uns die nächste Fähre nehmen lassen, wäre das Seperation gewesen – wir wären aussortiert worden, hätten (mal wieder) erlebt, dass wir nicht zur Allgemeinheit dazugehören. Manche verstehen unter Inklusion, dass dann auch gefälligst alle gleich behandelt werden. In diesem Falle hätten wir auf dem Oberdeck mitfahren müssen und man hätte unsere besondere Situation nicht beachtet. Unter Inklusion versteht man aber, dass die jeweilige Bedürftigkeit des Menschen der Situation individuell angepasst wird, sodass jeder mit seinen Schwächen und Stärken gleichwertiger Teil der Gesellschaft ist. Die Frisia hat es an diesem Tag geschafft, dass wir genau das waren. Vielen Dank! Knuffelchen, wir hoffen, genau das erlebst du noch öfter, wenn du größer wirst.

Auf der Fähre selbst waren wir dann leider wieder wie Maria und Josef unterwegs und es war kein Platz in der Herberge frei. Nein, anders: Es waren noch Plätze frei, aber die waren zwischen den engen Bänken und Tischen und dort passen wie gehabt Rolli, Kinderwagen, Fellappen und Krüppels Braut nicht hin. Gefühlte tausend Menschen starrten uns an, als wir an Bord kamen. Wir brauchten, wie ich dann auch öffentlich sagte, nur einen Platz für einen einzigen Popo – nämlich meinen.

Aber der einzige Platz – für vier freie Fußgängerpopos – wurde vehemennt vom Ältestenhaupt der Familie verteidigt: “Die sind oben an Deck; die kommen gleich wieder.” Ja, sie kamen wieder – als die Fähre vierzig Minuten später anlegte. Doch dann erbarmte sich eine Großfamilie, die sich mit zehn Popos acht Plätze teilten, rutschten zusammen und boten Krüppels Braut noch für eine Pobacke einen Sitzplatz an. Notfalls hätte ich mich auch zum Felllappen auf den Boden gesetzt. Wäre auch nicht das erste Mal gewesen – aber: an diesem Tag war nicht nur die Frisia, sondern auch eine Familie sehr fair. Knuffelchens Mama bedankt sich! So geht und so rollt und so muss das.

One thought on “Allemann an Bord!

  1. Fühlte mich sehr erinnert an unseren letzten Ausflug auf die Insel… Gut, ich kenn natürlich nicht die besonderen Schwierigkeiten als Rollstuhlfahrer. (An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für deine sehr unterhaltsamen Berichte aus eurem Alltag!)
    Aber als Familie mit Kinderwagen und drei Kleinkindern wünscht man sich manchmal auch schon mehr Verständnis und Entgegenkommen. Dass das manchmal sehr anstrengend ist, vergessen einige schnell und lassen dann lieber ihren kleinen Gucci-Rucksack neben sich auf der Bank sitzen, als freundlich für Mutti (mit Kind auf dem Arm) aufzurücken… Den meisten geht es in unserer “Gesellschaft” eben doch hauptsächlich um den eigenen Vorteil. Da sind positive Ausnamen sehr erfreulich 🙂

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