Krüppelprediger in der Mangel

Schon merkwürdig, Lütte Locke, dass du immer, wenn du ein Motorrad siehst, Papa sagst. Denn das letzte Mal, dass dein Papa Motorrad gefahren ist, ist dieses Jahr zwanzig Jahre her. Genauer gesagt am 24.07.1995 – da hat dein Papa das letzte Mal auf einem Krad gesessen.

Also lange bevor du geboren wurdest. Trotzdem merkst du, dass dein Krüppelpapa im Herzen immer noch ein Biker ist, obwohl er die Maschine gegen den Rollstuhl eintauschen musste. Denn bei seiner letzten Fahrt hat dein Papa fast sein Leben verloren.

Warum er trotzdem unbedingt wieder in den Sattel möchte und was das mit Inklusion und Gott zu tun hat – das und mehr habe ich ihn gefragt und ihn richtig ausgequetscht, wie sich das für eine alte Journalistin gehört. In deinem Namen, denn das kommt ja jetzt bald bei dir, dieses Wissen wollen warum:

Sag mal, Papa, warum willst du unbedingt wieder Motorradfahren, wenn du doch beim letzten Mal fast gestorben wärst?

„Ich fahre keine Motorrad, ich bin Motorradfahrer.“ Das habe ich schon früher immer gesagt, wenn mich jemand gefragt hat, warum ich Motorrad fahre. Denn das Motorrad war für mich nie nur ein Hobby, es war ein Teil von mir. Wenn ich nicht zu Fuß unterwegs war, dann mit dem Bike. Bei Wind und auch bei schlechtem Wetter, solange kein Eis auf den Straßen war.

Auf dem Motorrad zu sitzen war ein ganzheitliches sinnliches Erlebnis. Im Auto sitzt man immer bequem, warm und trocken. Auf dem Motorrad muss ich mich mit der Fahrphysik, dem Wetter und der manchmal unbequemen Sitzposition auseinandersetzen. Es war eine Begegnung, die mich herausforderte. Das war in meinem ganzen Leben so: Begegnung, die immer easy sind, langweilen mich irgendwann.

Motorradfahrer zu sein, ist deshalb für mich eine Identität. Und die würde ich gerne wieder aktiv erleben. Dass ich den Unfall hatte, ist ein Unfall. Jedem kann überall ein Unfall passieren: Jemand, der im Winter ausrutscht und sich das Bein bricht, wird danach ja trotzdem wieder auf die Straße gehen, auch wenn sie glatt ist.

Eben weil das immer wieder passieren kann: Hast du keine Angst, wieder mit dem Bike unterwegs zu sein?

Mutig ist der, der seine Angst überwindet. Ich will mutig sein und mein Leben nicht von der Angst bestimmen lassen. Denn wenn mich die Angst bestimmt, bin ich ein Sklave und unfrei. Zur Freiheit bin ich aber durch Jesus berufen. Es gibt keine Garantie, dass mir nie wieder was passiert. Genauso gibt es Motorradfahrer, die ihr Leben lang ohne einen einzigen Unfall fahren und Autofahrer, die mehrere Unfälle haben.

Du hast eine Spendenaktion für ein rolligerechtes Motorrad gestartet – Jetzt mal ehrlich: Geht’s dir nur darum, dir einen Traum zu erfüllen, oder steckt mehr dahinter?

Wir neigen dazu, alles alleine schaffen zu wollen. Doch das grenzt Menschen aus. Der Mensch wurde aber nicht als Insel erschaffen. Jeder Mensch braucht andere Menschen.

Natürlich ist das ein Traum von mir, aber es steckt mehr dahinter: Durch die Tatsache, dass ich im Rolli hocke, habe ich gelernt, die Wahrheit anzunehmen, dass ich andere Menschen brauche. Das Leben ist wie eine Mannschaftssportart. Einer alleine kann wenig bewegen, aber einen Dominoeffekt auslösen. Durch die Spendenaktion soll ein Dienst entstehen, der nur mithilfe von allen möglich wird. Denn Inklusion geht nur, wenn alle mitmachen.

Was hat denn Motorradfahren mit Gott und Inklusion zu tun?

Die Gemeinschaft der Motorradfahrer ist eine Form der Inklusion. Da zählt nicht der Beruf, Status oder das Geld. Es zählt die Gemeinsamkeit: das Motorradfahren. Auf dem Motorradtreff treffen sich verschiedenste Menschen bei Pommes und Kaffee, sie grüßen sich auf der Straße oder helfen sich – egal, ob der andere jetzt ein Banker, ein Bäcker oder eine Buchhalterin ist.

Gott selbst ist Inklusion in Reinform. Man denke nur an die Drei-Einigkeit. Und Jesus hat sich mit den buntesten Vögeln der damaligen Gesellschaft zusammengetan, die ohne ihn wahrscheinlich nie miteinander Kontakt gehabt hätten. Da Jesus auch heute noch mitten unter den Menschen und nicht in Kirchen eingesperrt ist, braucht er aber auch Menschen, die unter den Motorradfahren als seine Jünger unterwegs sind. Warum dann nicht auch einen Rollifahrer, die personifizierte Angst jedes Bikers, der ihnen sagt: Ihr braucht keine Angst zu haben; Jesus ist mit euch.

Und warum möchtest du ausgerechnet jetzt wieder aufs Bike zurück?

Die Zeit ist reif. Zwanzig Jahre ist mein Unfall jetzt her und in den ersten Jahren danach hätte ich nie daran gedacht. Ich brauchte Zeit, um zu trauern und um mich selbst im Rolli wieder anzunehmen. Doch irgendwann kam der Wunsch wieder. Ich fing an mich zu erkundigen, welche Möglichkeiten es geben könnte, als Querschnittsgelähmter wieder fahren zu können. Nach einigen Recherchen fand ich Lösungen für mich.

Dann fing ich an zu schauen, was auf dem Markt ist. In den letzten Jahren sah ich viele Motorrad-Trikes (ein Motorrad mit zwei Hinterrädern), aber es passte nie. Oder die Lebenssituation passte nicht. In diesem Jahr fand ich plötzlich ein Modell, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Und es passt jetzt zu unserem Dienst und zu meiner inneren Einstellung. Es fühlt sich jetzt richtig an.

Wir leben von Spenden und haben noch eine andere Spendenaktion laufen, um unser Dach neu zu decken, und wir müssen unser Haus renovieren und barrierefrei gestalten – ist das nicht etwas irre, dann noch um Geld für ein Motorrad zu bitten?

Die Sache mit dem Dach ist eine akute Situation, besonders für unsere Beratungsstelle, in die es rein regnet, aber auch für uns als Familie. Die Spendenkampagne für das Motorrad ist langfristig angelegt und soll für EDENerdig im Einsatz sein. Es ist ja zu erwarten, dass solche Aktionen Zeit brauchen, und da wollten wir früh anfangen. Denn wer sich nicht auf dem Weg macht, kommt nicht an.

Jeder, der unseren Dienst unterstützen möchte, kann frei wählen, was ihm auf dem Herzen liegt und was ihm wichtig ist. Für mich persönlich gehen das Dach und unsere Familie vor. Aber vielleicht möchte Gott auch den Krüppelprediger nutzen, um was ganz anderes zu bewegen. Ich will ihn und mich da nicht einsperren. Deshalb haben wir es einfach mal gewagt.

Ein normales Motorrad kostet nur ein Viertel von dem, was dich jetzt ein rollstuhlgerechtes Motorrad-Trike kosten würde. Warum ist das so teuer?

Motorradäder sind Massenwahre. Behindertengerechte Motorräder müssen aber immer individuell umgebaut werden, es gibt sie nicht von der Stange. Auch Motorrad-Trikes sind keine Massenware. Darum sind sie generell teurer. Harley Davidson bietet als einziger Hersteller ab Werk ein Motortrike an, aber auch davon werden nicht so viele verkauft und somit auch nicht so viele produziert. Dadurch steigt der Preis.

Was hätten denn die Leute davon, wenn sie dich darin unterstützen würden, dass du dein Trike bekommst?

Persönlich? Nichts. Auch wenn sie mich natürlich gerne als Prediger oder Redner einladen können. Sie würden durch ihre Spende aber einen Dienst möglich machen, den es so noch nicht gibt. Der Menschen erreicht, die so noch nicht erreicht werden. Der über Inklusion als Nächstenliebe aufklärt. Durch ihre Unterstützung wären sie ein Teil dieses Dienstes.

Welche Botschaft möchtest du den Leuten mitgeben, wenn du das Motorrad-Trike bekämest?

Man ist auch als Krüppel von Gott unendlich geliebt. Niemand muss sich verbiegen, um von Gott geliebt zu werden. Es ist auch als Krüppel möglich, wieder dazuzugehören, mit dabei zu sein. Vieles ist möglich, wenn wir zusammen stehen. Gib dich nicht auf; nach jeden Tiefen dunklen Tal kommt auch wieder ein helles weites Land. Und lass dir von niemandem sagen, was du nicht kannst.

Du nennst dich Krüppelprediger – das klingt für manche ganz schön hart. Was meinst du damit?

Krüppel bedeutet „der Gekrümmte“ und das bin ich in der Tat. Meine Wirbelsäule ist gekrümmt, ich habe sogar einen Buckel. Diese Tatsache kann ich nicht leugnen und musste ich lernen anzunehmen. Das bin ich jetzt: ein Krüppel. Für Jesus bin ich aber wertvoll, so wie ich bin. Ich muss nicht „gesund“ sein, um von Gott angenommen und geliebt zu sein.

Das Wort Krüppel war früher auch einfach eine sachliche Beschreibung und keine Schimpfwort. Erst später haben Menschen es abwertend benutzt, um andere auszugrenzen. Ich will aber nicht das sein, was Menschen aus mir machen wollen und mich auch nicht mehr ausgrenzen lassen. Ich schäme mich nicht für das, was ich bin. Und das bin ich nun mal: ein Krüppel, ein gebeugter Mensch, von Jesus geliebt.

Du hast vor Kurzem das erste Mal seit zwanzig Jahren wieder auf einem Motorrad gesessen – wie hast du dich dabei gefühlt?

Markus_Trike_Blog

Wie nach einer langen Reise wieder zu Hause anzukommen. Ich bin, da wo ich hingehöre. Aus der Fremde zurück. Oder wie Schuhe, die man wieder anzieht und die vom letzten Tragen noch warm sind. Es fühlt sich so normal, richtig und sofort vertraut an, als wären keine zwanzig Jahre vergangen. Das Spiel mit der Kupplung und dem Gas war sofort perfekt. Es war so wie das Einatmen, nachdem man lange die Luft angehalten hat.

Was würde das für dich persönlich bedeuten, dieses Motorrad fahren zu dürfen?

Ich weiß gar nicht wie ich das mit Worten beschreiben soll, aber ich versuche es mal: Mein Herz ist jetzt in zwei Hälften geteilt; es kann weiterschlagen, aber es ist mühsam. Wieder aktiver Motorradfahren zu sein, wäre wie ein wiedervereinigtes Herz. Wie ein Fisch, der aus der Auslage herausgenommen und wieder in Wasser geworfen wird und anfängt zu schwimmen. Und nicht mehr nur davon zu träumen. Es würde bedeuten, wieder eins zu sein.

Danke, Krüppelpapa, für deine Antworten.

P.s. Knuffelchen, wir nennen dich ab jetzt Lütte Locke. Ist ja nicht so, als wärst du nicht mehr knuffelig, aber da du kein Baby mehr bist, passt ein Kleinkindname jetzt besser zu dir. Später wird das dann wahrscheinlich nur noch Locke sein oder Lü oder wie auch immer du dich dann nennst. Freiheit, Baby, Freiheit.

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