Auf die Plätze, fertig, Hilfe los!

Knuffelchen, wieder kam dein Krüppel-Papa heute mit einer Geschichte vom Einkaufen zurück: Heute waren die Leute besonders hilfs-bereit. Ganz á la Spongebob, der sagt auch immer ganz übereifrig: “Ich bin bereit, ich bin bereit, ich bin bereit!”

Wie immer hat dein Papa die Lebensmittel beim Einkaufen in einer Kiste auf dem Schoß transportiert. Du wirst das auch noch mitkriegen – noch lange bietet nicht jeder Supermarkt rollstuhlgerechte Einkaufswagen an; aber es gibt sie. Jedenfalls hat eine Frau deinen Papa angesprochen, ob sie ihm die Kiste abnehmen soll. Er hat sich bedankt und gesagt, dass das völlig in Ordnung so ist. Das wollte sie nicht so ganz glauben und meinte: “Aber die ist doch schwer! Das tut doch weh!”. Daraufhin er: “Selbst wenn, das spüre ich nicht.” Da hat sie ihn etwas irritiert in Ruhe gelassen.

Dann an der Kasse gab es allerdings kein Entwischen mehr. Hinter deinem Krüppelpapa war ein besonders eifriges Ehepaar. Sie fragten schon am Anfang des Laufbands, ob sie helfen könnten. Dein Papa verneinte freundlich, er käme zurecht. Als er dann aber bezahlt hatte, konnte er gar nicht so schnell schauen, wie die Lebensmittel wieder in seine Kiste auf dem Schoß gewandert sind. Alles Reden half nichts; sie ließen sich nicht davon abbringen. Zu gerne hätten sie ihm wohl auch noch das Kleingeld aus dem Portemonnaie abgezählt, ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft und zum Auto geschoben, wäre er nicht schleunigst weggedüst.

KassenknutscherWahrscheinlich fühlen sie sich jetzt prima; haben sie doch einem armen Rollstuhlfahrer unter die Räder gegriffen. (Ist auch schon passiert; erzähle ich dir ein anderes Mal.) Nur haben sie dabei eines nicht bedacht: Die Würde des Menschen. Die ist laut Grundgesetz unantastbar. Leider haben sie aber deinen Papa und seine Lebensmittel einfach so angetastet, obwohl er mehrmals deutlich gemacht hat, dass er das nicht möchte. Sie haben seine persönliche Grenze überschritten.

Auch wenn das zunächst nett klingt, ist genau das eine Behinderung. Denn dein Krüppelpapa kauft nicht zum ersten Mal ein und kann das sehr gut alleine. Er wurde in seiner Freiheit, in seiner Selbstwirksamkeit behindert. Das ist dasselbe, als wenn ich dich immer wieder hinlegen würde, weil ich der Meinung bin, das Sitzen wäre doch viel zu anstrengend für dich, weil du noch so ein junges Baby bist. Du aber willst dich ausprobieren, willst an deine Grenzen kommen und selber testen, was geht und was nicht. Weil du dann auch irgendwann weißt, was geht und was eben rollt und was bremst. Nee, ungefragt ausgebremst werden ist nicht schön.

Auf die Plätze, fertig, Hilfe los! ist also nicht immer die beste Wahl. Erst fragen, dann handeln. Und wenn die Antwort lautet: Danke, das ist sehr nett, aber ich komme auch bestens alleine zurecht – handelt man am besten, indem man nicht handelt. Etwas, das auch Eltern wie wir lernen müssen. Erinnere uns notfalls daran, Knuffelchen, ja?

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