Pizza to go

Knuffelchen, heute erzähle ich dir etwas über Gastfreundschaft und Profitgier: Wir waren heute allesamt (also du im Kinderwagen, der Felllappen, der Krüppel im Rolli und seine Braut) gegen Mittag auf der Suche nach was Essbarem. Kein Problem, könnte man meinen, wenn man die Insel Norderney besucht. Hier gibt es Restaurants en masse. Leider sind aber nicht alle Restaurants für uns erreichbar (darauf komme ich noch zurück – an anderen Stellen, immer wieder, und wieder und wieder…) Besonders schwierig wird es, wenn die Insel ausgebucht ist und zu “allesamt” auch noch Schulklassen, Seniorengruppen, Kegelschwestern, Saufbrüder und andere Familien gehören. Alle ham se Kohldampf, alle wollen sie im Urlaub gefälligst gemütlich essen – aber pronto.

Bei uns ist nur nichts mit pronto. Wir fantastischen Vier müssen uns die Räder und Hacken abwetzen und so einige Kilometer machen, bis wir ein Etablissement finden, das ohne Stufen oder zumindest nur mit einer zu erreichen ist. Unsere üblichen Lieblingsorte, wo die Tische nicht eng an eng stehen, waren wie zu erwarten berstend voll. Also landeten wir in einer Nebengasse bei einem Italiener. Eine Stufe zum Eingang. Hopp, alle drin. Noch eine Stufe drinnen, hopp, alle an einem Tisch gelandet – wenn auch sehr eng. So eng, dass der Kellner das Essen nur über die rechte Schulter deines Krüppel-Papa anreichen konnte.

Doch auch wenn es unter den über zwanzig Tischen nur drei gab, an denen wir sitzen konnte, waren wir glücklich. Klassische italienische Küche und zum Schluss ein Cappuccino, wie er sein soll. Du warst auch happy; du hast deinen Wattwurm (aus buntem Holz) zum ersten Mal (aus)probiert. Wir waren so froh, dass wir beschlossen, für den nächsten Abend einen Tisch für uns zu reservieren. Denn wir wissen aus Erfahrung: Samstagabend auf Norderney kommen sie alle (also nicht nur allesamt) aus ihren Löchern und wollen UNBEDINGT gut essen.

Adriano beim Nudeln essenWas entgegnet uns der nette Kellner, der deinen Krüppel-Papa an Louis de Funes und mich an Adriano Celentano erinnert hat? (Kennste beide nicht. Musste auch nicht. Obwohl: Louis de Funes solltest du später mal googlen; das ist schon ein besonderer Humor, den man kennen sollte. Celentano eher nicht. Falls es später überhaupt noch google gibt. Ansonsten frag mich oder den Krüppel einfach danach.) Er meint, sie würde nur die drei Tische für sechs Personen reservieren. Da müssten wir eben früh da sein, schon um 17:30 Uhr. Dann hätten wir vielleicht Glück und könnten den letzten Tisch, der für uns allesamt (also du im Kinderwagen, der Felllappen, der Krüppel im Rolli und seine Braut) passt, vielleicht noch ergattern.

Ich spare mir die Frage, warum er für uns nicht einfach mal eine Ausnahme machen kann. Denn es ist schon klar: Mit sechs Personen verdient man mehr (das nennt man Profit) als mit zwei Personen, die Platz für sechs brauchen (das würde man Gastfreundlichkeit nennen). Zum Schluss meint er noch: Kommen Sie alleine raus? Ich kann nämlich nicht helfen, ich habe es mit dem Rücken. (Das hat mich stark an die Geschichte kurz vor deiner Geburt erinnert, als die Frauenärztin im Krankenhaus mir als gestrandetem Wal auf der Pritsche nicht hoch helfen mochte, weil sie “Rücken” hat, sodass dein Krüppel-Papa die Bremsen am Rolli festmachen, ganz nah an die Pritsche rangieren und mich hochziehen musste.)

Der arme Mann! Hatta Rücken. Dein Papa hat Rolli, aber das spielt keine Rolle – denn in diesem Restaurant sind die Werte ganz klar: Geld orientiert statt Kunden orientiert. Unser Italiener in Dornumersiel, der eigentlich Perser ist, aber in Italien gelernt hat, hätte deinen Krüppel-Papa notfalls höchstpersönlich ganz alleine die Treppen hochgehievt, auch mal zwei Tische zusammengerückt und reserviert und dafür auch Rücken samt Krücken in Kauf genommen. Da gäbe es für uns OHNE BEDINGUNGEN was zu essen. Wie für alle anderen auch. Denn auch Krüppel haben Hunger.

3 thoughts on “Pizza to go

  1. Eine eindrucksvolle, berührende Geschichte. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenige Menschen sich in das Leben eines anderen Menschen hineinversetzen können. Danke für Dein mit uns Teilen. Ich hoffe, dass wir alle aufmerksamer werden. Liebe Grüße an den Krüppel und seine Braut, Krümmelchen und
    Felllappen 🙂

  2. Ich wünsche mir Menschen mit ganz viel Empathie für Menschen.
    Ich wünsche mir Menschen, die mal nach links und mal nach rechts schauen;
    die eine Hand reichen, wenn man selbst eine zu wenig hat oder wenn man eine dazu benötigt.
    Ich wünsche mir Menschen, die den Mut haben auch mal Außnahmen machen und ausschließlich nach ‘Dienst nach Vorschrift’ arbeiten und leben
    – auch wenn da mal ein paar Minuten ihres Lebens drauf gehen könnten oder ein paar Euros weniger verdient werden würden.
    Ich wünsche mir Menschen, die wie Jesus über jegliche Konventionen hinweg,
    Mut und Liebe für Menschen einfach haben und zeigen.
    – ganz gleich, ob für rolling, alt, jung, groß, klein, schön, nicht ganz so schön, … people!!
    Inklusion einfach gelebt, also auch mit Krüppelchens, Krümmels, Fellilappens, Bräute, … !

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